Die 35 Bände in 8 Serien mit etwa 16.000 Seiten, die „Historisch-politischen Romane aus der Gegenwart“, sind in Wirklichkeit ein Gesamtroman, in dem alles miteinander verflochten und verwoben ist, Personen an unterschiedlichsten Stellen wieder auftauchen, Handlungsstränge nach langen Pausen wieder aufgenommen werden. Vorlage waren die politischen Vorgänge der Zeit.
Allerdings ist es Retcliffe, abgesehen von „Sebastopol“, nie gelungen, den Stoff, wie von ihm geplant, abzuarbeiten. Durchschnittlich 700 Druckseiten im Jahr, 23 Jahre lang, waren zu wenig, weil seine Einleitungen zu üppig gerieten, weil er immer wieder auf das Zeitgeschehen reagieren musste. Neue Serien mussten begonnen, alte Serien überhastet zu einem schnellen Ende gebracht und vieles, für später geplant, konnte nicht mehr in Angriff genommen werden.
Die ersten drei Romanserien „Sebastopl“, „Nena Sahib“ und „Villafranca“ erschienen ab 1855 bei Carl Nöhring in Berlin.
Als für Nöhring erkennbar wurde, dass Retcliffe sich mit seinem Plan zur Fortsetzung der zweiten „Villafranca“-Serie „Deutsche Sünden“ übernommen hatte, ließ er „Die Geißel der Zeit“ von fremder Hand abschließen. Retcliffe wechselte daraufhin den Verlag und begann 1862 bei Louis Gerschel mit einer neuen zweiten Serie: „Zehn Jahre“.
Am Beginn des ersten Bandes („Die Tricoloren!“) des neuen zweiten Teils wendet sich Retcliffe an die Leser:
Für den Leser! Die „Zehn Jahre“ bilden die Fortsetzung und Vollendung des Romans „Villafranca“, dessen Stoff unter der Hand des Autors zu mächtig gewachsen, als daß es ihm möglich gewesen, ihn in den ursprünglich bestimmten Raum hineinzudrängen. Autor und Verleger haben daher vorgezogen, das Buch mit der annoncirten Bogenzahl abzuschließen und die Fortsetzung unter neuer Form zu bringen. Es ist diese kurze Bemerkung für Diejenigen bestimmt und nothwendig, welche unser Buch etwa ohne Kenntniß des früheren in die Hand nehmen, und sich durch Bezüge auf Vorhergehendes unbefriedigt sehen. Der Autor will den Vorwurf vermeiden, daß er nicht ein Ganzes geliefert. Im Uebrigen tritt Jeder einmal in seine Zeit ein, die ja niemals einen Abschluß findet, und muß sich an die bunte Gestalten halten, wie sie ihm gerade begegnen. Auch der neue Leser wird, wie wir hoffen, des Neuen so Manches in dem neuen Buch finden. Interessiren ihn die Bilder, so weiß er ja, wo er das Vorhergegangene zu suchen hat! Der Autor.
Die Nöhring-Teile „Villafranca“ I. und II. wurden zu „Villafranca I.“ zusammengefasst und – vom Text her unverändert – unter dem Titel „Die rothe Fahne“ in vier Bände aufgeteilt: 1. Giuseppe Garibaldi; 2. Minen und Zünder; 3. Sodom und Gomorrha; 4. Deutsche Sünden.
Bei Nöhring erschienen die ersten drei Serien in neuen Auflagen bis ca 1867 weiter.
Etwa 1864 nach Abschluss von „Zehn Jahre“ ging der Verlag Gerschel in den Verlag Liebrecht über, wie die übereinstimmenden Verlagssignets belegen. Retcliffes Romanreihen wurden hier bis zu dessen Tod fortgesetzt.
Unter neuem Impressum erschien zunächst der dritte „Villafranca“-Teil „Magenta und Solferino“, an dessen Ende vom Verlag auf einer Werbeseite „Biarritz“ mit den drei Abteilungen „Gaëta — Warschau — Düppel“, „Der innere Konflikt“ und „Dem König gerät’s!“ angekündigt wurde. Vorher erschien aber noch die Serie „Puebla oder Die Franzosen in Mexiko“, die aber über die Einleitung nicht hinauskam und daher auf die Erste Abtheilung „Der Schatz der Ynkas“ beschränkt blieb.
Auch „Biarritz“ konnte von Retcliffe nicht wie geplant abgearbeitet werden und erlebte nach Abschluss der ersten Serie eine Konzeptänderung. Die zweite Serie erschien unter dem Titel „Um die Weltherrschaft!“
Ca. 1868 übernahm Liebrecht auch die Rechte der ersten Serien von den Vorgängern und begann eine Gesamtausgabe herauszubringen, welche 1878 mit „Um die Weltherrschaft“ ihren Abschluss fand, dessen fünfter Band nach Retcliffes Tod von fremder Hand fertiggestellt wurde. Die Texte für die Gesamtausgabe wurden von den früheren Serien unverändert übernommen.
Diese Gesamtausgabe wurde dann etwa ab 1879 ohne Änderung zunächst weiter von Kogge & Fritze und etwa ab 1892 von J. M. Bernhardi herausgebracht.
Erstaunlich ist, dass Bernhardi auch die mindestens 15 Jahre alte, bei Liebrecht erschienene und längst völlig überholte Verlagsankündigung für die drei so nie erschienenen „Biarritz“-Serien im letzten „Magenta“-Band übernommen und sogar mit dem eigenen Namen versehen hat (siehe Bild).
Da sowohl von Kogge & Fritze wie auch von Bernhardi jeweils unverkaufte Bestände der Vorgänger übernommen wurden, existiert im letzten Jahrzehnt ein Vielzahl von gemischten Ausgaben.










































Parallel zu der Liebrecht-Ausgabe beginnen Kogge & Fritze 1879 mir der Herausgabe einer Volksausgabe. In Folge der schwindenden Aktualität der Romane wendet sich das Interesse der Leser vom politischen Inhalt ab und dem abenteuerlichen Inhalt zu. Dies findet seinen Ausdruck in der gegenüber der Liebrecht-Ausgabe veränderten Reihenfolge. Zuerst erscheinen die Teile des Gesamtwerks, in denen das Abenteuerliche am stärksten ausgeprägt ist – „Nena Sahib“, „Puebla“ und „Sebastopol“. Der Rest folgt dann in der vorgegebenen chronologischen Reihenfolge.
Ab 1890 ist J. M. Bernhardi Berlin Verleger der Volksausgabe, ab ca. 1900 erscheint die Volksausgabe bei Richard Eckstein Nachfolger (H. Krüger) Berlin. Außerdem kommt „Nena Sahib“ auch in einer illustrierten Ausgabe heraus.
Die letzte im Text unveränderte Ausgabe ist der Neudruck „Sebastopol“ (1906, 4 Bände) im Verlag Richard Eckstein Nachf., der nun die Rechte besitzt.
Ab 1903 folgt dann in diesem Verlag die von Ernst Götz bearbeitete Ausgabe mit „Nena Sahib“ am Anfang und dem dann ebenfalls bearbeiteten „Sebastopol“ am Ende (Bände 32–36). Diese Ausgabe ist noch als Leseausgabe brauchbar.
In den folgenden Jahren wechseln die Verlagsrechte für die „Ernst-Goetz-Ausgabe“. Sie erscheint zunächst bei der Verlags-Gesellschaft mbH, dann beim Karl Voegels Verlag, beide Berlin.
Ab 1918 schließlich erscheinen „Sir John Retcliffe’s historisch-politische Romane“ in der von Ernst Goetz durchgesehenen und herausgegeben Ausgabe als Band 1 bis 36 im Verlag Wilhelm Borngräber, wieder Berlin.
Alle Ernst-Goetz-Ausgaben sind satzidentisch und unterscheiden sich nur durch die Titelseite, und dort nur durch das Impressum.
Ab 1906 brachte der Verlag A. Weichert eine wohlfeile illustrierte Ausgabe heraus, in welcher die umfangreichen historisch-politischen Romane auf jeweils zwei Bände eingedampft wurden:
Die sogenannte Barthel-Winkler-Ausgaben des Retcliffe-Verlags (einem Schwester-Unternehmen des Karl-May-Verlag) sind entsprechend der Bearbeitung der Karl-May-Kolportageromane so weitgehend gegenüber dem Original verändert, dass sie mit diesem nur noch sehr wenig zu tun haben. Wer nur diese Edition kennt, wird den Autor Retcliffe nicht kennenlernen.
R. von Hagel:
Ruppius-Bibliographie.
In: Lexikon der Reise- und Abenteuerliteratur. 6. Ergänzungs-Liefrung. Meitingen, Corian-Verlag, Juli 1990.
Da zuverlässige Informationen über Veröffentlichungen in Amerika fehlen, Datierungsfragen ungeklärt und Werklisten unvollständig sind, ist es, zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht möglich, eine vollständige Bibliographie von Otto Ruppius zu erstellen. Die vorstehende Bibliographie kann daher nur als Ansatz gewertet werden.
Aiga Klotz:
Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland 1840–1950. Band IV. Stuttgart—Weimar, Verlag J. B. Metzler, 1996.
Friedrich Schegk:
Ruppius-Bibliographie. Manuskript.
Antiquariats- und Auktionskataloge.